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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 08. Mai 2008 |
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Wider die Spießigkeit: Zwerg und Zwergin proben den Aufstand.
Foto Henning Bode |
Die Männerwirtschaft gerät ins Wanken
Gartenzwerge made in Germany sind immer noch gefragt. Aber jetzt bekommen sie weiblichen Zuwachs. Und die Kunden stehen auf neue, zuweilen skurrile Modelle, die nicht nach jedermanns Geschmack sein müssen.
Sie trotzen Wind und Wetter und haben dabei meist ein Lächeln auf den Lippen. Ihre Markenzeichen sind weißer Rauschebart und rote Zipfelmütze. Die Rede ist von Gartenzwergen, die seit mehr als hundert Jahren, ausgerüstet mit Spitzhacke und Schubkarren, deutsche Vorgärten bevölkern. Doch auch im Ausland hat der immer noch als typisch deutsch bezeichnete Zwerg seine Freunde gefunden. In Frankreich „Nain de Jardin“, in Amerika „Gnome“ und in den Niederlanden liebevoll „Tuinkabouters“ genannt, erfreut sich der deutsche Gartenzwerg dort seit geraumer Zeit großer Beliebtheit. „Rund 40 Prozent unserer Produktion gehen in den Export. Europa spielt dabei die Hauptrolle – vorneweg Österreich und Skandinavien. Natürlich haben wir aber auch Kunden in Amerika, Afghanistan, Dubai, Australien oder Südafrika“, erläutert Andreas Klein, Geschäftsführer des Internet-Onlineshops „100% Zwergen-Power“ in Hünstetten und selbst Zwergenliebhaber und Designer. Seit 2000 betreibt er den ersten Internet-Onlineshop für Gartenzwerge und widmet sich gemeinsam mit 22 Mitarbeitern der Zwergenherstellung. Rund 1600 Modelle führt er in seinem Sortiment. Die Preise liegen je nach Größe und Material (PVC-Kunststoff oder gebrannter Ton) zwischen etwa 5 und 200 Euro. Im Ausland seien vor allem die klassischen Gartenzwerge mit Spaten oder Laterne gefragt, erklärt Klein.
Dies bestätigt auch Reinhard Griebel, Inhaber der wohl traditionsreichsten Zwergenmanufaktur Deutschlands, der Philipp Griebel GmbH im thüringischen Gräfenroda. Auch er verkauft etwa 50 Prozent seiner aus Ton gefertigten Zwerge ins Ausland. In Gräfenroda führt er im Familienbetrieb mit vier Beschäftigten die Tradition seines Urgroßvaters Philipp Griebel fort, der 1874 ein eigenes Terrakotta-Unternehmen gründete und zusammen mit August Heissner als Erfinder der Gartenzwerge gilt. Vor allem zu DDR-Zeiten boomte der Export in westliche Länder. Devisenbringende Exportaufträge sicherten den Bestand der Griebelschen Manufaktur. Besonders in Skandinavien war die Nachfrage nach den Wichteln aus Thüringen groß. Mit der Wende und der Einführung der D-Mark sank der Export jedoch rapide, und die innerdeutschen Aufträge gingen stark zurück. Mit der Ostmark verschwanden dann auch die 16 Gartenzwergmanufakturen im Kreis Gräfenroda. „Auf einmal war eine völlig andere Kalkulation nötig“, sagt Griebel. Im April 1990 wagte er einen Neuanfang. Glücklicherweise entspannte sich die Lage Mitte der neunziger Jahre. Seit etwa zehn Jahren kann Griebel wieder auf neuem Niveau fertigen und verstärkt auf Kundenwünsche eingehen. Im Jahr 2004 lag der Umsatz der Manufaktur nach Angaben der Hoppenstedt-Firmendatenbank bei etwa 100000 Euro. „Für uns sieht's gut aus“, meint Griebel. Jährlich fertigt er etwa 8000 von Hand bemalte Exemplare, wobei Sonderanfertigungen für Sammler bis zu 700 Euro kosten können. Auch in Fernsehsendungen wie der Comedy-Show „Genial daneben“ spielt ab und zu ein Zwerg aus Gräfenroda eine Rolle. Andreas Klein von Zwergen-Power bezeichnet die Zwergenbranche als überschaubar. „Sechs Hersteller gibt es noch in Deutschland. Der größte Anteil ist Handarbeit“, erklärt Klein. „Für Zwerge aus Terrakotta werden aber wesentlich mehr Handgriffe benötigt als für Zwerge aus PVC-Kunststoff. Daher ist der Preis für einen Zwerg aus gebranntem Ton höher.“
Konkurrenz kommt aus Asien und vor allem aus Osteuropa. Bereits in den siebziger Jahren wurde der gute alte deutsche Gartenzwerg zum Massenprodukt, und im Ausland gefertigte Plastikzwerge machten den klassischen Wichteln aus gebranntem Ton das Leben schwer. „Da wir seit rund acht Jahren mit Billigprodukten aus Osteuropa zu kämpfen hatten, welche aus einfachem Gießharz statt aus PVC-Kunststoff sowie aus Gips statt aus gebranntem Ton und zu wesentlich geringeren Lohnkosten hergestellt werden, war die Konkurrenzlage angespannt“, sagt Klein. Dies habe sich jedoch durch materialbedingte Qualitätsunterschiede und die sich angleichenden Lohnkosten gelegt. Inzwischen verdienten die Mitarbeiter in den anderen Ländern schon fast so viel wie in Deutschland. Daher seien die Produkte aus Osteuropa teurer geworden. Heute liegen die Absatzmengen der gesamtdeutschen Zwergenbranche nach Kleins Aussagen im sechsstelligen Bereich, und der Umsatz schwankt je nach Unternehmensgröße zwischen 200000 und 750000 Euro. In den Jahren 2002 bis 2005 habe der Absatz in seinem Onlineshop zwar merklich gestockt, da besonders gewerbliche Abnehmer zurückhaltend im Einkauf reagiert hätten, aber seit 2006 habe sich die Nachfrage vor allem aus dem Ausland wieder deutlich gesteigert. Große Unternehmen wie Nestlé verschenken Gartenzwerge gerne auf Messen als Werbegeschenk. Zudem ist der Zwerg auch heute noch ein häufig verwendetes Werbemotiv. Industrie und Werbeagenturen hätten den Werbeeffekt eines Zwergs made in Germany erkannt und nutzten, das Wiedererkennungspotential besonders auf internationalen Messen oder für humorvolle nationale Werbung, sagt Klein.
„Rund 30 Millionen Gartenzwerge gibt es weltweit, allein 17 Millionen davon in Deutschland. Tendenziell nimmt der Absatz sowohl national als auch international zu“, bemerkt Klein. Neben der Hauptzielgruppe, Frauen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren, seien auch junge Menschen wieder auf den Zwerg gekommen. Dies liege vor allem an der Einführung skurriler Modelle, und innerdeutsch könne es eigentlich nicht schräg genug sein. Zwar folgen bis heute immer noch rund 90 Prozent der Zwerge dem klassischen Vorbild, aber man findet neben den traditionellen Modellen wie „Anton, mit Sense“ oder „Sepp, als Holzhacker“ seit den neunziger Jahren auch „Michel, den Spanner“ oder „Rudolf, den Badezwerg“ immer häufiger in den Vorgärten. Sogar alteingesessene Manufakturen wie Philipp Griebel haben die Männerdomäne der Zwerge gebrochen und produzieren jetzt auch weibliche, die neben ihren männlichen Kollegen ein beschauliches Leben führen. Ein Beispiel hierfür ist die „Gräfin Roda“ (eine Anspielung auf ihren Entstehungsort Gräfenroda), die im Jahr 2000 bei Griebel das Licht der Welt erblickte. Neben dieser eher traditionell gekleideten Zwergin sind mittlerweile aber auch etwas leichter bekleidete Exemplare wie beispielsweise die „Domina-Zwergin“ oder die „Zwergenfrau als Exhibitionistin“ keine Seltenheit.
Kritisch überwacht wird diese Entwicklung von der Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge. 1980 in Basel gegründet, haben es sich die selbsternannten Nanologen (nanus, lateinisch der Zwerg) zur Aufgabe gemacht, den Zwerg vor Gewalt, Geiselnahme oder übler Nachrede zu schützen.
Miriam Zakel
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
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